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22. Dezember 2011

Fotograf: Tobias Zielony

Der Weg ins Herz von Tobias Zielonys Arbeit führt über den Stadtrand: Untätige Menschen, verlassene und verwahrloste Orte – der 1973 in Wuppertal geborene Künstler, lebt heute in Berlin und interessiert sich für alles, was sich der Gesellschaft entzogen hat und was meist jenseits des Sichtfeldes bleibt. Bei Tobias Zielony verwischen die Grenzen zwischen dokumentarischer Reportage und künstlerischer Fotografie. Künstler hautnah die Sendereihe von ARTE stellt Zielony im Film vor.



AM ANFANG WAREN DIESE JOGGINGANZÜGE"
Den Berliner Künstler Tobias Zielony zieht es an die Ränder der großen Städte in aller Welt, wo die Tage lang sind und Jugendliche in Gruppen ziellos herumhängen. Seine lakonischen Fotozyklen zeichnen das Bild einer globalen jugendlichen Ennui. art sprach mit Zielony über schrumpfende Städte, Drogen und Sensationslust.
// KITO NEDO, BERLIN
Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Als ich nach Newport kam, war das ein wichtiger Moment. Dort habe ich Dokumentarfotografie studiert. Da gab es die Zielrichtung, später ganz klassisch für Magazine zu arbeiten. In diesem Rahmen habe ich auch angefangen, an meinen ersten Serien zu arbeiten. Ein Auslöser war das Fach Street Photography. Da habe ich denen gesagt: Ich will was zum Thema Jogginganzüge machen. Meine Lehrer sahen zwar keinen Zusammenhang, aber ich habe das trotzdem gemacht. Das Thema entsprang einer Beobachtung. In Newport hatte ich das Gefühl, dass alle Jugendlichen diese Jogginganzüge trugen. Das war um 1999.
Danach hast du in Leipzig bei Timm Rautert studiert.
Nach Newport war das die Antwort auf die Frage, für welchen Kontext entscheide ich mich. Wo sehe ich meine Arbeit. Die Sachen die ich mache, haben ja reportageartige Züge, aber Magazine sind nicht der Ort für meine Arbeit. Die Offenheit oder die Ambivalenz, die in den Bildern steckt, wird ja immer wieder reduziert auf eher stereotype Geschichten: Arbeitslosigkeit, Gangs, Gewalt, Peergroups – solche klassischen journalistischen Themen. Ich habe dagegen einen Kontext gesucht, wo ich offener arbeiten konnte.
Wann hast du gemerkt, dass Bildjournalismus nichts für dich ist?
Einmal bin ich zum "Guardian" nach London gefahren und habe denen meine Bilder gezeigt. Die haben gefragt: "Mhh ... und was ist die Geschichte?" Ich habe gesagt: "Na die Jungs, die da rumhängen, nichts zu tun haben und Jogginganzüge tragen." Die Guardien-Leute fragten noch einmal nach: "Ja, aber was soll die Geschichte daran sein?" Da war mir klar: Sie sahen keine Story, aber vielleicht ist für mich genau das die Story. Das war mein einziger Versuch, mit meinen Bildern in irgendeine Redaktion zu gehen und dort anzubieten. Das ist grandios gescheitert.
Aber in der Kunst gab es Interesse an Deinen Bildern?
Auch das war nicht einfach. Da gab es auch Abwehrreaktionen – es wäre zu dokumentarisch, zu narrativ, man könne so nicht mehr fotografieren, ungefähr in die Richtung. Es gab dann verschiedene Momente, wo es Interesse gab, etwa das Projekt "Schrumpfende Städte" oder die von Nicolas Schafhausen kuratierte "Populism"-Ausstellung. Im Falle von "Schrumpfende Städte" war es so, dass ich in Halle fotografiert hatte, ohne etwas von dem Projekt zu wissen. Die sind dann irgendwann über meine Sachen gestolpert. Das war einfach Zufall.
Mit welchem Material arbeitest du?
Mit ganz normalen Analogkleinbildkameras. Es gibt auch ein paar Arbeiten im Mittelformat und Dias. Ich habe auch eine Digitalkamera. Aber meine Arbeitsweise, die ich über die Jahre entwickelt habe, das Farblabor, das gebe ich nicht so einfach wieder auf. Ich arbeite schon mit guten Kameras und guten Objektiven, aber für ein Wundermittel halte ich das nicht. Ich glaube nicht daran, dass man mit besseren Kameras bessere Fotos macht. Ganz normale Filme, ganz normale Kameras – das ist ein demokratisches Prinzip.
Hat dich das nächtliche Fotografieren früher mehr interessiert?
Es gab nach "Trona" weitere Serien, die hauptsächlich in der Nacht fotografiert sind, aber ich löse mich langsam davon. Inzwischen gibt es ja auch eine Reihe von Filmen, Texte werden immer wichtige in meiner Arbeit. Bei Trona ging es mir einfach um dieses Licht in der Wüste, was ja auch immer wieder mythisch reproduziert wird. Bei mir ist es eher blass, nicht der knallblaue Himmel und endlose Weite, sondern hat etwas Klaustrophobisches.
Wie bist du eigentlich auf Trona gestossen?
Ich war durch ein Stipendium in Los Angeles. Aus der Zeit gibt es zwei Serien, eine Nachtserie aus Los Angeles und die Trona-Serie. Diese Wüstenbilder aus Trona sind sozusagen das Gegenbild zu L.A. Ursprünglich hatte mich interessiert, wie weit sich die Stadt in die Wüste ausdehnt. Aber Trona ist wirklich jenseits von Gut und Böse, man kann es nicht mehr als Vorort oder Rand von Los Angeles bezeichnen. Trona ist im Grunde ein vollkommen isolierter Ort. Bis zur nächsten Stadt ist es eine Autostunde. Es kommen öfter Leute durch, aber sie halten nie an, weil es so unheimlich ist. Es riecht stark nach Schwefel vom Chemiewerk, und es knallt immerfort aufgrund irgendwelcher Verpuffungen, aber es klingt wie das Abfeuern von Schüssen. Da laufen halt komische Typen über die Straße, kaputte Autos stehen am Straßenrand. In Trona hatte sich auch mal Charles Manson versteckt. Wenn man das in Beziehung zu L.A. setzt: Das ist ein Ort wo man sich hinflüchtet oder strandet, wenn man überhaupt kein Geld mehr hat oder in Ruhe Drogen herstellen möchte. Andererseits gibt es auch Leute mit wenig Geld, die in Trona ihren Lebensabend verbringen wollen. Man kann sich da für ein paar Tausend Dollar ein Haus kaufen.